Matthias Böde, Stereo 12/2020

Der Über-Amp

Was ist denn das?

Der Überraschungs Coup war den Japanern gelungen! Wie ein funkeln der Goldklumpen zog der Amp, den Accuphase auf der Tokyo International Audio Show im vergangenen November präsentierte, dort die Aufmerksamkeit auf sich. Auf
einem stets von „Ah!“ und „Oh!“ ausstoßenden Besuchern umringten Podest stand so unübersehbar wie verheißungsvoll als einziger im üppigen Format der größeren Endstufen auftretender Vollverstärker der japanischen Luxusschmiede deren neuer E 800. Und als die ersten Exemplare die deutschen Accuphase Händler erreichten, pilgerte mancher HiFi Jünger ins Studio, um die Neuheit zu bestaunen. Denn der rund 24 Zentimeter hohe, 36 Kilogramm schwere und knapp 15.500 Euro teure E 800 ist etwas ganz Besonderes. Wie üblich trägt er zwei Power Meter in seiner dicken, blassgolden eloxierten Frontplatte, die jedoch nicht mit Zeigern arbeiten. Vielmehr zucken aus jeweils 30 orangefarbenen LEDs bestehende Leuchtketten im Takt der Musik und zeigen im Bereich von gut 50 Dezibel die momentan abgerufene Leistungsspannung an. Dies ist ausschließlich den exklusivsten Komponenten der Japaner vorbehalten. Wenn’s nervt oder für ungestörte Hör Trips im Dunkeln, lässt sich die Lightshow abschalten.
Ansonsten ist der E 800 ein ganz normaler Accuphase Verstärker. Aber was heißt hier schon „normal“? Schließlich sind die edlen Amps aus Yokohama geradezu mit hochgereizter Technik in feinster Verarbeitungsqualität gespickt. Ein stetig verbessertes Aushängeschild ist dabei natürlich die komplexe Pegelregelung in Form des höchst aufwendigen, dafür jedoch ultrapräzisen sowie dauer konstanten „Accuphase Analog Vari gain Amplifiers“, kurz „AAVA“.

Pegelpräzision per „AAVA“

Dabei dient der sämig laufende Lautstärke steller nur als Impulsgeber, während 16 unterschiedlich gewichtete Stromsignale per Querverschaltung ebenso feinstufig wie präzise den gewünschten Pegel einstellen – im oberen Bereich mit einer Auflösung von 0,2 Dezibel Schritten – von der roten Digitalan zeige exakt dokumentiert. AAVA ist somit ein aktiver Teil der Verstärkerschaltung und soll laut der Japaner Signaleinbußen, Impedanzschwankungen und Verzerrungen E 800üblicher Abschwächer vermeiden. Im E 800 arbeitet die Schaltung sogar als „Balanced AAVA“, also im symmetrischen Modus mit phasentreuem wie invertiertem Signalzug, was bei deren Aufsummierung auch den letzten verbliebenen, winzigsten Abweichungen den Garaus machen soll. Wie stets in Accuphase Amps sitzt die aus einem mächtigen Zentralnetzteil gespeiste Leistungselektronik zu beiden Seiten kanalgetrennt auf separaten Kühlkörpern. Darunter nicht zuletzt das jeweils eine Dutzend MOS FETs, die im Accuphase typischen „Push Pull“ Verfahren mit zwei „heißen“ Ausgängen die Lautsprechermembranen zwischen sich verschieben. Damit dies möglichst kontrolliert geschieht und der E 800 gerade den Tieftöner fest im Griff hat, wollen die Entwickler seinen Dämpfungsfaktor gegenüber dem bisherigen Spitzenmodell E 650 um 25 Prozent gesteigert haben.
Wer nun aufgrund der schieren Größe des E 800 und seiner Leistungsblöcke einen Wattriesen erwartet, sieht sich allerdings getäuscht. Der geschwungene „Class A“ Schriftzug unterhalb des satt rastenden, freilich nur langzeitstabile Relais ansteuernden Eingangswählers deutet es bereits an: Hier geht höchste Qualität vor Quantität. Um die gefürchteten Übernahmeverzerrungen beim Übergang des Signals von dessen positiver zur negativen Halbwelle zu vermeiden, werden die Power Transistoren über ein weites Leistungsband offen gehalten, was zwar den Wirkungsgrad verschlechtert, weil so dauernd ein Gutteil der Energie in Wärme verpufft, aber potenziell schädliche Schaltvorgänge vermeidet. Beim E 800 reicht dieser Bereich laut Datenblatt an acht Ohm bis hinauf zu 50 Watt pro Kanal respektive 100 Watt an vier Ohm.

Tatsächlich ist der Amp jedoch deutlich stärker – siehe Messwerte –, wechselt oberhalb dieser Marken aber in den Schaltbetrieb über, wo dann freilich Pegelspitzen geboten sind, die man in der Praxis eher selten erklimmt. Letztlich handelt es sich beim Accuphase also um einen AB Verstärker mit besonders hohem Ruhestrom. Den noch ist der E 800 keine Mogelpackung, denn die versprochenen Leistungen wer den ja im Class A Modus erreicht, wie sich leicht anhand der angemessenen Leistungsaufnahme in Ruhe erkennen lässt. Irgendwo muss diese Energie dann hin. Sie fließt direkt in die Kühlkörper. Trotzdem erwärmt sich der Verstärker nicht übermäßig, was für sein Class A Konzept mit Augenmaß spricht.

Maximale Offenheit per XLR

Schwelgen lässt sich im gewohnt prallen Ausstattungspaket. So erlaubt der Japan Amp den Anschluss eines umfangreichen Geräteparks, bietet neben einer abschaltbaren Klang auch eine Balanceregelung sowie eine potente Kopfhörerbuchse, die selbst anspruchsvolle Modelle mühelos zu Höchstleistungen treibt. Tape Fans finden einen
hinterbandfähigen Recorderzweig. Phasen umkehr, Mono Schalter, Loudness „Compensator“ und eine Muting runden den Komfort ab. Wie üblich sitzen die meisten dieser Funktionen hinter einer Klappe, die auf Knopfdruck gedämpft nach unten gleitet.
Unter den Buchsen finden sich auch Aus und Eingänge für den Fall, dass man den Vor oder Endstufensektor des E 800 separat betreiben möchte. Auch Bi Amping lässt sich per Cinch oder XLR Outputs realisieren, wobei die Class A Endstufe A 48 die natürliche Partnerin im Accuphase Programm ist. Doch im großen STEREO Hörraum musste sich der Über Amp im Alleingang an B&Ws durchaus wählerischer 800D3 beweisen, was ihm mit Bravour gelang. Fast ist man geneigt, den E 800 als Maßstab für die Lockerheit und natürliche Selbstverständlichkeit anzuerkennen, mit denen ein
Vollverstärker aufspielen kann. Vollkommen gelöst und dabei zugleich vorbildlich auf gefächert wie homogen sprudelte etwa Ana Carams rhythmisch vertrackter „Telephone Song“ aus den Lautsprechern. Der kam vom Accuphase SACD Spieler DP 560, den wir abwechselnd mit HMS Suprema verkabelt hatten – in Cinch, XLR und digital koaxial.
Dabei zeigte sich, dass der E 800 seine extrem offene Spielweise insbesondere über die XLR Eingänge erreicht. Wie gut, dass er gleich drei davon besitzt. Per Cinch verengte sich die Wiedergabe allenfalls ein wenig und erschien tonal minimal abgerundet. beweisen, was ihm mit Bravour gelang. Fast ist man geneigt, den E 800 als Maßstab für
die Lockerheit und natürliche Selbstverständlichkeit anzuerkennen, mit denen ein Vollverstärker aufspielen kann. Vollkommen gelöst und dabei zugleich vorbildlich aufgefächert wie homogen sprudelte etwa Ana Carams rhythmisch vertrackter „Telephone Song“ aus den Lautsprechern. Der kam vom Accuphase SACD Spieler DP 560, den wir
abwechselnd mit HMS Suprema verkabelt hatten – in Cinch, XLR und digital koaxial. Dabei zeigte sich, dass der E 800 seine extrem offene Spielweise insbesondere über die XLR Eingänge erreicht. Wie gut, dass er gleich drei davon besitzt. Per Cinch verengte sich die Wiedergabe allenfalls ein wenig und erschien tonal minimal abgerundet.
Welch hohes Niveau das optionale Digitalmodul DAC 50 (siehe Kasten) bietet, erwies
sich dadurch, dass dessen Performance ganz dicht am XLR Ergebnis lag. Ein externer
D/A Wandler wird da in den meisten aller Fälle überflüssig.
Dasselbe gilt für das Phono Pendant AD 50. Selbst hochwertige Abtaster kommen
hier voll zum Zug, spielen frei und ungehemmt, weiträumig und druckvoll auf. Mit
separaten Phono Vorstufen derselben Preisklasse kann die AD 50 problemlos konkur
rieren. Und man spart ein zusätzliches Gerät sowie einen Satz hochwertiger NF Kabel.
Außerdem liegt das Modul auf dem elektrischen Potenzial des E 800, was störende
Ausgleichsströme vermeidet – kein unwesentliches Argument.
Was sich bei den ersten Hörausflügen mit dem Accuphase angedeutet hatte, ent
puppte sich bald als Klangbild der Superlative: Hoch, tief und ausladend wie von
einer Vor/Endstufenkombi der Top Liga reproduziert stand das mit Vehemenz einset
zende Orchester von Chadwicks „Jubilee“ im Raum. Das war Glanz und Gloria, auch als
sich die Musiker gleich darauf zu wohliger Behaglichkeit in leisere Gangart zurückfal
len ließen. Der E 800 verlor nie den Spannungsfaden, hielt die Aufmerksamkeit dicht
am Melodiebogen, trat zugleich jedoch einen Schritt zurück und beobachtete die akusti
sche Szenerie aus überlegener Perspektive.

Meister auf der Farbpalette

Na klar ordnet und staffelt der Accuphase dezidiert und abgezirkelt wie auf dem Reiß
brett. Doch er führt zugleich alle Linien zu einem harmonischen Ganzen zusammen und
schafft so vorbildlich den Spagat zwischen Analytik, die jedes Detail offenbart sowie
einer emotionalen Geschlossenheit, die selbst angesichts der Preisklasse verblüfft.
Der Eindruck ausgeprägter Natürlichkeit und schwebender Anmut wird von der wirk
lich exorbitanten Farbigkeit der ebenso schillernden wie sonoren, ohne jede Künstlichkeit reproduzierten Mitten gestützt. Diese macht
den E 800 zum Meister der Stimmen, Atmosphäre und Schattierungen, was ungemein
lebendig und „echt“ wirkt. Auch „laut“ kann dieser „Über Amp“, doch um auf Lautspre
cher einzuprügeln wurde er nicht geschaffen. Er macht vielmehr hinreißend Musik!

Accuphase E-800
Der E-800 ist tatsächlich ein „Über-Amp“, der vergleichsweise hohe Leistung im Class A-Modus liefert, voll ausgestattet ist, mit superben Messwerten brilliert – und obendrein überragend gut klingt. Also typisch Accuphase!